MODELLSZENE

EINE GEMEINSAME

MODELLSZENE

 

Die Theaterszene muss sich formieren.

Unsere Modellszene soll nach jeder Aufführung den Applaus unterbrechen. Das Modell hat zum Ziel, eine Schuldgeschichte des Theaters zu verfassen.

Untenstehend finden Sie den Text der Modellszene. Das Arrangement der Szene wird im Text direkt ausgesprochen. Wir bitten um die Verbreitung dieser Szene in allen Theatern.

 

Wir hoffen, bald andere Versionen dieses Modells von Ihnen zu sehen. Denn es geht uns nicht um Gleichmacherei, sondern um die Auseinandersetzung mit Ihnen und Ihren Vorstellungen des Modells.

Auf dieser Seite werden wir Änderungen und Vorschläge veröffentlichen.

 

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Meine Damen und Herren!

Ich muss diesen Applaus hier unterbrechen. Niemand wird sich hier heute hinstellen, um sich

zu verbeugen, niemand wird Ihren Applaus, „das Brot der Künstler“, annehmen. Doch lehne ich nicht aus Undankbarkeit ab. Nein, ich stehe hier heute, weil ich für viele Theaterarbeiter und Arbeiterinnen stehe und eben jene für mich in anderen Theatern anderer Städte, Dörfer und Länder stehen und „das Brot der Künstler“ ablehnen.

Wir haben es nicht mehr verdient. Ich stehe hier, weil wir Ihren Applaus nicht mehr verdient haben. Sie, liebes Publikum, haben es sicher verdient, dem einzelnen Künstler oder der einzelnen Künstlerin zu applaudieren, aber ich stehe hier nicht alleine als Künstler/in. Ich stehe hier als Repräsentant/in einer hochinnovativen, effektiven und überbelastbaren Gruppe von Vorarbeitern und Vorarbeiterinnen.

Im Namen eines neuen Lebensstils dachten wir Theaterarbeiter und Arbeiterinnen, Ihnen etwas vorzuleben. Stattdessen haben wir vorgearbeitet und unser Arbeitsstil wurde bald allgemein erwartet, folgerichtig als politisch alternativlos erklärt und wird heute als selbst- verständlich vorausgesetzt. Was bei uns, in der Kreativwirtschaft, als Freiheit geplant war, wurde auf Ihrer Arbeit Gesetz: Das Gesetz des freien Marktes.

Ich werde hier für diese Schuld der Theater einstehen, für die Schuld der Freien Theater, für die Schuld der Stadt- und Staatstheater. Wir, all die Repräsentanten und Repräsentantinnen dieser Schuld, wir werden unsere politische Repräsentation nicht mehr dem Politikapparat überlassen, werden weder in Präsenzgeilheit noch in Figurenträumerei fliehen. Wir nehmen in Kauf, dass man uns zu recht vorwerfen wird, wir würden nicht für andere sondern anstatt ihnen sprechen. Denn das hier ist wichtiger als rein gewaschene Hände. Wir stellen uns einer Verantwortung: Unserer Arbeit. Wir werden unsere Arbeit und das heißt auch die Politik, die diese Arbeit formt, nicht mehr einem Apparat überlassen, der den Begriff der Schuld vergessen hat. Wir möchten wieder stolz sagen können: Ich bin schuld an diesem Theater.

Wir fangen nun an: Wir, die Theaterarbeiter und Theaterarbeiterinnen, wenden uns gegen unseren eigenen Innovationsdrang. Stattdessen spielen wir diese gerade stattfindende und ganz einfach zu erzählende Modellszene: Ein Arbeiter oder eine Arbeiterin des Theaters tritt zum Schlussapplaus an die Rampe, bekommt einen Spot, präsentiert einen roten Schuh, unterbricht den Applaus und spricht diesen Text bis hierher und schreibt dann eine Schuld- geschichte des Theaters. Ein jeder Arbeiter und eine jede Arbeiterin erzählt eine eigene Schuldgeschichte, denn es geht hier nicht um Gleichmacherei, es geht um Wieder- erkennbarkeit und eine Chance für Solidarität:

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1999: Hans-Thies Lehmann schreibt das Postdramatische Theater. Die Repräsentation im Theater wird durch den Begriff Präsenz angegriffen. Aber diese Waffe gegen Repräsentation bleibt ein Theaterspielzeug, weitestgehend harmlos und für die politischen Repräsentanten ungefährlich. Schade.

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2011 ziehen in Bochum Occupy-Demonstranten durch die Stadt in Richtung Theater, um sich im Schauspielhaus Gehör für ihr Anliegen zu verschaffen. Ein Einsatzkommando der Polizei umstellt das Theater, um dem Publikum einen ungestörten Kunstgenuss zu ermöglichen. Die Welt und die Kunst werden wieder einmal getrennt.

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2012: VOLL:MILCH spendet Blut um sich zu finanzieren.

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2013: Im Burgtheater wird ein Billeteur, dessen Arbeit outgesourct wurde von der Bühne der Burg verscheucht. Danach wird weiter der 125. Geburtstag dieser größten deutschsprachigen Bühne unter dem Motto „Von welchem Theater träumen wir?“ gefeiert.

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2013: Die Gruppe VOLL:MILCH spielen diese Modellszene in einem Stück, das die Förderpolitik Frankfurts ankreidet und umhaut.

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2014: VOLL:MILCH beginnt, sich Gagen zu bezahlen.

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Meine Damen und Herren wir schreiben diese Geschichte gemeinsam. Stadt- und Staatstheater, Freie Spielstätten, Gruppen und Kunstschaffende schreiben gemeinsam. Wir zeigen dem Zeitgeist seine Endlichkeit.

Unsere Geschichte muss Konsequenzen haben: Wir werden nicht aufhören, diese Modellszene zu spielen. Wir werden diese Szene verbreiten, bis keiner von uns mehr Kürzungen am Theater zulässt, bis alle Arbeiter und Arbeiterinnen des Theaters bereit sind zum Streik. Es ist abzusehen, meine Damen und Herren: In einem Jahr wird diese Modellszene in allen Theatern gespielt werden und an diesem Tag wird der Streik beginnen. Wir werden streiken. Wir werden gar nicht mehr auftreten. Auf keiner deutschen Bühne wird mehr gearbeitet werden. In einem Jahr wird kein Theater mehr gespielt werden, morgen wird das Jahr schon nicht mehr voll sein.

Ich bitte um die Verbreitung dieser Szene in allen Theatern. Vielen Dank.

 

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